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Unfall am Lijak April 2010

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Nun setzte eine tragische Fehleinschätzung der Situation ein. In meiner Siegerstimmung meinte ich, ich muß nun auch noch eine Toplandung hinlegen. Meine Fliegerfreund Airwolf meinte, ich wäre im Flugrausch gewesen. Viel anders kann ich mir diesem Schwachsinn auch nicht erklären, so oft ich auch drüber nachdenke und die Szene nochmal durchgehe im Kopf. Ich versuche zweimal von hinterm Startplatz an die Kante vor zu fliegen, aber sobald ich über den Startplatz komme steigt der Schirm schnell nach oben. Klar, das Aufwindband, in das die Piloten reinstarten und das mich nach oben getragen hat, steht hier gut an.

Also fliege ich vor dem Startplatz hin und her und habe nach ein paar Versuchen die richtige Höhe. Was dann passiert kann ich bis heut nicht recht erklären. Vielleicht eine Art Angststarre? Ich drehe um und fliege frontal auf den Startplatz zu. Soweit nicht so schlimm, aber ich sollte dann in Bodennähe den Schirm wieder in den Wind gestellt haben. Ich denke ich war entsetzt, mit welchem Speed ich nach der Kurve auf den Startplatz zuschoß. Klar, jetzt hatte ich ja auch vollen Rückenwind. Im vorderen Teil des Startplatzes steht ein Pilot abflugfertig und ich denke mal, auch das war ein Grund, keine Kurve zu fliegen in Richtung Tal.

Kurze Überlegung, das ich mir dei dem Speed die Hacksen brechen würd, ich reiße die Beine und knalle mit dem Hintern mit voller Fahrt auf den Berg. Ein höllischer Schmerz erfüllt den Becken und Rückenbereich. Ich schreie laut auf und traue mich einige Momente nicht zu bewegen. Doch dann will ichs wissen... die Füße und Zehen lassen sich bewegen. Gott sei Dank. Auuuaaaa. Ein Tschechischer Flieger kommt und will mir helfen. Er steht etwas ratlos bei mir und fragt, wo ich Schmerzen habe. Ich rufe nur, das ich einen Sanitäter brauche und er funkt sofort an den Landeplatz zu seinen Mitfliegern. Mir fällt ein, das ich ja ebenfalls den Funk dabei habe und stelle Verbindung zu meinen Leuten her. Schnell ist geklärt, das die Rettung informiert wurde.

Ich liege derweil immer noch in einer unbequemen Position auf dem Rücken, hab gemeine Schmerzen, die nicht nachlassen und unterhalte mich mit dem Piloten, der mir zu Hilfe kam. Er fliegt schon seit 10Jahren und ist mit seinen Brüdern hier. Der Schmerz ist nicht mehr so extrem, er befreit mich etwas aus dem Gurtzeug, aber wir achten darauf, das ich meine Position nicht ändere. Dann rafft er mir meinen Schirm zusammen. Etwa nach 10Minuten kommt schon der Rettungsdienst. Sie legen mir eine Halskrause an und ich komme auf eine Trage. Dann müßen sie meine 80kg einige Meter durch den Wald zum Wagen schleppen. Ich bekomme einen Zugang gelegt und etwas Schmerzmittel oder sowas gespritzt. Mittlerweile ist mein Begleiter Airwolf vom Landeplatz eingetroffen und schaut ganz entsetzt, was mit mir los ist. Als er sieht, das alles in Arbeit ist, greift er geistesgegenwartig meine Kamera und macht ein paar Fotos von mir. Muß ja alles n Sinn haben :) Hoffe ich kann in einiger Zeit drüber lachen.

Ich werde etwas später in einen größeren Transporter umgeladen, welcher nicht bis zum Startplatz runterfahren kann. Scheint alles sehr routiniert abzulaufen, wohl schon mehrfach erprobt :( Wir fahren ca 15min ins Regional Hospital nach Sempeter, die ganze Kommunikation läuft in englisch ab. Die hübsche braunäugige Sanitäterin die bei mir an der Trage bleibt ist aus Russland und erst seit drei Tagen dabei. Sie hat einen Slowenen geheiratet, und ist zu ihm nach Nova Gorica gezogen. Sie spricht sehr gut slowenisch und etwas englisch meint sie noch, dann sind wir auch schon da. Es geht schnell zum röntgen und nach kurzer Beratung zum CT. Die Schmerzen sind immer noch schlimm, aber ertragbar. Dann die erlösende Nachricht: NUR zwei Wirbel haben eine Fraktur, sprich angebrochen. Sonst soweit man auf die Schnelle sieht, alles okay. Mir fallen ganze Gebirge vom Herzen. Ich Trottellumme hab so ein Schwein gehabt. Das hätte durchaus im Rollstuhl oder sonstwie enden können. Meine Schutzengel haben wieder tolle Arbeit geleistet. Vielen, vielen Dank von hier aus.

Gegen 18uhr komme ich auf die Traumastation und werde von zwei bezaubernden jungen Schwestern :) in Empfang genommen. Ich komme in ein 6Mannzimmer, in dem aber nur zwei Leute liegen. Nachdem ich versorgt bin und ich ein Platz am Fenster im 7Stock bekommen habe, genieße ich erstmal die Aussicht in Richtung Gorica und bin froh, das ich in der EU lebe. Wie wäre das in Marokko oder Thailand ausgegangen? Ich weiß schon, warum ich nicht soweit weg will zum fliegen :) Ich telefoniere mit meinen Leuten, simse ein paar Freunde an und bin trotz allem Happy und Dankbar, das es so und nicht schlimmer ausgegangen ist.

Nachdem ich kurz eingeschlafen bin, werde ich durch extrem lautes Schnarchen geweckt. Wer mich kennt, weiß, das das für mich ein rotes Tuch ist. Der ältere Herr in meinem Zimmer hat Atemaussetzer beim schnarchen und wenn er Luft bekommt, gibt er sehr laute Einatemgeräusche von sich. Das geht über eine Stunde so. Zwischendurch wacht er immer wieder auf und gähnt, ja ruft beinahe. Klar, Sauerstoffmangel. Mir schwant schreckliches. Das wird nicht nur eine schlaflose Nacht. Ich frage die Schwester nach Ohropax, aber sowas gibts hier nicht. Ich stopfe mir etwas Taschentuch in die Ohren, aber die Lautstärke ist rekordverdächtig. Ich nicke irgendwann ein, aber nicht lange, dann schrecke ich wieder hoch.

Am nä Tag kommen dann meine Fliegerfreunde zu Besuch und bringen mir Ohropax!, Klamotten und was zum lesen. Sie wollen natürlich wissen, wie das passiert ist. Ich kanns immer noch nicht recht erklären. Ich laße mir beim essen helfen, da ich nicht aufstehen kann. Sehr unangenehm, auf dem Rücken liegend zu essen. Tee gibts mit Strohhalm, Suppe löffelweise. Das Essen ist ganz okay, aber Kantine halt.

Als ich wieder allein bin, versuche ich meine Versicherung anzurufen wg Rücktransport. Nach 15Euro in verschiedenen 0180er Warteschleifen erreiche ich dann jemanden der sich zuständig fühlt und mich zurück ruft. So kostet mich die Minute nur 21c statt rund einen Euro, wenn ich anrufe. Mit leerer Prepaid ist man da schnell aufgeschmissen. Der Sachbearbeiter der Unfallversicherung verspricht sich zu kümmern und will mich am nä Tag zurückrufen. Abends lese ich Tommy Jauds 'Hummeldumm' und schaffe das Buch bis fast zur Hälfte. Liest sich gut und ist unterhaltsam, wenn auch nicht so lustig, wie Vollidiot oder Resturlaub. Geht um ein Pärchen, das einen Namibia Trip gebucht hat und mit lauter kuriosen Gestalten durch die Wüste treckt. Da geh ich doch lieber fliegen in meinem Jahresurlaub :) Als mir die Augen zufallen kann ich etwas schlafen. Aber mehr als drei Stunden waren es wohl wieder nicht.

Am Sonntag Anruf der Versicherung. Da sie im Hospital keinen zuständigen Arzt erreichen, wird die weitere Bearbeitung am Montag erfolgen. Ich krieg nochmal Besuch von meinen Freunden und Hilfe beim Mittagessen, die restliche Zeit lieg ich herum, lese und langweile mich. Das Glockenspiel der nahen Kirche hört sich schön an. Viel schöner als den ganzen Tag das dauernde geschnarche. Selbst beim größten Lärm, ein paar Handwerker reparieren ein Fenster im Zimmer, schläft der alte Herr. Der glückliche :) Ich beneide ihm um die Fähigkeit, bei solchem Lärm zu schlafen.

Am Montag die Hoffnung bei der Visite, das ich am Nachmittag mal kurz aufstehen kann. Ein Physiotherapeut erklärt mir, das ich den ganzen Körper langsam und gleichmäßig drehen muß, wenn ich mich aufrichten will. Ich darf nur kurz ein paar Schritte mit Krücken machen, möglichst nicht sitzen und keine schnellen Bewegungen oder gar Drehungen machen. Ich probiere es am Nachmittag mit Katja, einer der hübschen Schwestern auf der Station. Sie bringt auch mein Korset mit. Nach den ersten Schritten hab ich nen Klos im Hals. Bißchen anderer Verlauf des Unfalls und ich hätte das hier vielleicht nie wieder tun können.

Katja lächelt mich an, als sie die Tränen in meinen Augenwinkeln bemerkt. Könnte ja fast aus nem Film sein, oder :) ? Bin überrascht von meiner Reaktion und erkläre ihr auf englisch, warum ich so ergriffen bin. Sie lächelt nur und sagt nichts dazu. Ob sie mich verstanden hat? Am Nachmittag kommen zwei neue ins Zimmer, sind nun zu fünft. Zum Glück komm ich mit einem der neuen in ein Doppelzimmer nebenan, das nun frei geworden ist. Welch eine Ruhe. Mihail spricht etwas englisch, wir smalltalken übers Wetter und warum wir hier sind. Er hat sich den Fuß gebrochen beim heimwerken.